Wir Menschen sind soziale Wesen und orientieren uns gerne an unserer Peer-Group. Natürlich möchten wir dabei nicht genauso sein wie die anderen – immerhin fühlen wir uns  als Individuen -, aber trotzdem holen wir uns von unserem sozialen Umfeld Hinweise, welches Verhalten und welche Meinungen sozial akzeptabel sind.

Auch in Gefahrensituationen orientieren wir uns anderen Anwesenden: Wir fühlen uns verunsichert und schauen uns zunächst einmal um, wie andere reagieren. Diese tun jedoch genau das Gleiche; sie warten auf Hinweise, wie sie sich verhalten sollen. Das kann dazu führen, dass eine ganze Gruppe Menschen einer Gewalttat zuschaut, ohne dass jemand zu Hilfe eilt. Dieses Phänomen wird Bystander-Effekt genannt.

In der Klimakrise fällt uns der Bystander-Effekt auf den Kopf. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich das erste Mal in der Zeitung vom Hothouse Earth Szenario erfuhr und mir richtig schlecht wurde. Als ich danach allerdings in der Stadt unterwegs war, musste ich feststellen, dass das Leben einfach unbedarft weiterging: Leute lachten, konsumierten, und niemand schien sich die geringsten Sorgen zu machen. So schlimm wird es schon nicht werden, schien die Szene zu sagen.

Mobilität, als ob es keine Klimakrise gäbe

Der Bystander-Effekt macht es auch in vielen Kreisen schwierig, über die Klimakrise zu sprechen. Auf Spielplätzen, die ich mit meinen Kindern frequentiere, scheint es zum Beispiel eine stillschweigende Übereinkunft zu geben, dass die Klimakrise kein adäquates Gesprächsthema ist (auch wenn ich mich tagtäglich bemühe, dieses Tabu zu brechen). Wir wissen also oft gar nicht, wie unsere Mitmenschen über Klimaschutz und Klimapolitik denken, weil wir uns niemals darüber austauschen.

Meinungen zu Klimaschutz und klimafreundliches Handeln können ansteckend sein

Allerdings arbeitet der Bystander-Effekt nicht nur gegen uns. Denn wenn eine Person in einer Gefahrensituation endlich doch aktiv wird, kann dies eine ansteckende Wirkung haben. So schlossen sich innerhalb kürzester Zeit Millionen von Menschen den von Greta Thunberg und den Fridays for Future initiierten Klimastreiks an.

Engagement für Klimaschutz kann ansteckend sein.

Dank ihres Einsatzes ist die Klimakrise sozusagen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Trotzdem bleiben entsprechende Maßnahmen von der Politik weitgehend aus. Die strukturellen Rahmenbedingungen fördern eher klimaschädliches als klimafreundliches Handeln. Und auf Spielplätzen wird noch immer nicht über die Notwendigkeit von Klimaschutz diskutiert. 

Wenn wir wollen, dass der Bystander-Effekt nicht gegen, sondern für uns arbeitet, sollten wir unsere Handlungen sichtbar machen und vermehrt mit Freund*innen, Verwandten und Bekannten über die Sorgen, die die Klimakrise in uns auslöst, sprechen. Im Artikel “The tales we all must tell” (American Scientist) lädt der Autor Robert Louis Chianese dazu ein, unsere ganz persönlichen Geschichten über unseren Umgang mit der Klimakrise zu erzählen, ohne uns dabei jedoch moralisch überlegen zu fühlen. 

Eine der wenigen, mit der ich zum Beispiel über meine Sorgen sprechen konnte, war meine nun leider schon verstorbene Schwester Angelika. Auch wenn wir uns nicht in mancher Hinsicht nicht immer nahe standen, erzählte ich ihr von der Angst, die die Klimakrise in mir auslöste. Entsprechend groß war meine Freude, als sie mich eines Tages anrief um mich zu bitten, ihr zu helfen die Pfarrgemeinde, wo sie als Pfarrerin tätig war, klimafreundlicher zu machen.

Natürlich möchten wir auch, dass unsere Geschichten gehört werden und uns zugehört wird. Das kann nur gelingen, wenn auch wir unserem Gegenüber Respekt zeigen, uns auch für sie interessieren, ihnen zuhören, Fragen stellen und nicht immer Recht haben wollen. Mehr dazu aber in einem weiteren Beitrag.

Welche Erfahrungen macht ihr, wenn ihr mit Bekannten über Klimasorgen und Bemühungen für den Klimaschutz sprecht? Ich freue mich auf eure Kommentare!